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ALFRED SCHNITTKE FILM MUSIC VOL. II

Glasharmonika, Die
UdSSR
1966
Animation

„Vor langer Zeit schuf ein Handwerker ein magisches Instrument und nannte es ‚Glasharmonika’. Der Klang dieses Instruments inspirierte edle Gedanken und schönes Tun. Einmal kam der Handwerker in eine Stadt, deren Einwohner unter der Knechtschaft eines gelben Teufels standen.“

In seinem Animationsfilm DIE GLASHARMONIKA (UdSSR, 1966) erschafft der russische Regisseur Andrei Chrschanowski eine Welt aus kalter, grauer Architektur, mit schlichten Fassaden und harten Schatten, dem surrealen Stil von Giorgio de Chirico nachempfunden. In diese Welt tritt ein Musiker mit seiner Glasharmonika und beginnt zu spielen. Doch seine Kunst dringt zunächst nicht zu den Bewohnern durch, sie stehen unter dem Einfluss eines schwarz gekleideten Mannes – Magrittes „Mann mit Melone“ sehr ähnlich –, der in ihnen die Gier nach Reichtum und Macht weckt, die Glasharmonika zertritt und den Musiker von gesichtslosen Schergen fortbringen lässt. Die Liebe zum Geld lässt die Figuren und Gesichter grotesk verzerren, sie werden zu Untieren, die ihr kulturelles Erbe schleifen und einander nachjagen. 

Doch die Glasharmonika kehrt wieder und zeigt, wie Kunst zum geistigen Wiedererwachen führen kann. Die hässlichen Fratzen werden zu Werken großer Meister der frühen Neuzeit: Hieronymus Bosch, Pintoricchio, Albrecht Dürer und Quentin Massys werden hier zitiert und lassen die triste Welt aufblühen.

DIE GLASHARMONIKA ist eine Collage verschiedener Kunststile und eine Hommage an die europäische Malerei. Wegen der kontroversen Thematisierung des Verhältnisses zwischen der staatlichen Autorität und dem Künstler durfte der Film in der UDSSR nicht gezeigt werden und ist der einzige sowjetische Zeichentrickfilm, der erst nach der politischen Wende der Jahre 1989/1990 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Zur Musik: „Die gläserne Harmonika ist der Inbegriff der Reinheit. Sie vermag Angst und Bedrohung zu vertreiben. Aber sie ist ein überaus zerbrechliches Instrument. Alfred Schnittke erzeugt den gläsernen Klang mit Hilfe von Celesta, Harfe und präpariertem Klavier. Exoten wie das jaulende Theremin (ein auf den elektrischen Hautwiderstand der Hände reagierendes, berührungsloses Instrument) und das Ekwodin (eine russische Variante des Keyboards) geben den Widersachern der Glasharmonika Stimme. Gemeinsam mit dem Schlagzeug verbiegen elektrische Orgel (Ionika), elektrisches Akkordeon und elektrische Gitarre ein barockisierendes Orgelstück zu einer gruseligen schwarzen Messe. Wimmernde Violinen, kicherndes Holz, grölendes Blech, rasselndes Schlagwerk malen eine gespenstische Atmosphäre. Symphonische Dimensionen tun sich auf und werden gleich wieder in Stücke gerissen, zerfetzt, zerfasert. Viele Soli bewegen sich wie Schatten vor absurdem Hintergrund. Leere Quinten fungieren als Motiv – hohl, albern, einsam, unentschieden zwischen Dur und Moll. Sogar das Stimmen des Orchesters ist eingebaut. 

Alfred Schnittkes Musik aus dem Jahre 1968 zum Zeichentrickfilm DIE GLASHARMONIKA von Andrei Chrschanowski entfernt sich am weitesten vom Filmmusik-Klischee: Sie ist weder oberflächlich noch eingängig, sondern sie verstört bis an den Rand des Geräuschs, fordert den Instrumenten extreme Lagen und Spielarten ab. Und sie dauert über die gesamte Länge des surrealistischen Animationsstreifens. Im Abspann lässt Alfred Schnittke die Glasharmonika das berühmte B-A-C-H-Motiv zitieren. Dem Bekenntnis zu den traditionellen Werten folgt das Erwachen – ein trauriges. Das Genre des surrealistischen Films hatte keine Chance in der Sowjetunion. Chrschanowski bewahrte es dennoch für die Nachwelt. Alfred Schnittke hat ihn mit der Musik zu noch fünf weiteren seiner Zeichentrickfilme unterstützt.“ (Steffen Georgi) 

Kompositionen:

Alfred Schnittke

1968
  großes Orchester (ab 46 Musiker)    
 
Besetzung
2+pic.2.2+piccl. asax+tsax+barsax.2+cbsn – 4.3.3.1 – timp.perc – pno/ cel – 2hp – strings – theremin. ekwodin.ionika.e-accordion. e-gtr
     
 
Dauer in min.
21
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