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Carmen
Frankreich
1926
Drama

Schon immer hat die Figur der feurigen Zigeunerin Carmen Künstler aller Couleur fasziniert und zur kreativen Auseinandersetzung mit ihr angeregt - vor allem Regisseure. Charles Chaplin, Jean-Luc Godard, Cecil B. DeMille, Otto Preminger: Alle erlagen ihrem Charme und ihren Reizen und fühlten sich eingeladen, Prosper Mérimées bekannte Novelle (1845) auf die Leinwand zu bringen. Die Filmversion von Jacques Feyer (1926) widmet sich mit großer Intensität der zeitlosen und zur damaligen Zeit gewagten Thematik der Novelle: Ethnisches Anderssein, sexuelle Energie und Freiheit werden hier mit dem visuellen Luxus und der Kraft des französischen Kunstkinos behandelt.

Neben Jean Renoir, Marcel Carné and Jean Grémillon war Jacques Feyder ein Begründer des französischen Poetischen Realismus. CARMEN war die erste französische Filmproduktion, die Aufnahmen an Originalschauplätzen (bspw. Sevilla, das Tal bei Ronda und andere Orte, die in Mérimées Novelle erwähnt werden) und in den Filmstudios Joinville, Nice and Montreuil vereinte. Indem sich sein Drehbuch an dem Originaltext und weniger am Libretto zu Georges Bizets Oper (1875) orientiert, schlug Feyder mit seiner Fassung einen anderen Weg ein als frühere Verfilmungen. Auch aus diesem Grund bat er den spanischen Komponisten Ernesto Halffter, einen Studenten von Manuel de Falla und Maurice Ravel, eine Filmmusik zu schreiben, die sich von der berühmten Opernmusik deutlich unterschied.

Die Bemühung um Authentizität führte darüber hinaus zur Verpflichtung der international bekannten spanischen Schauspielerin Raquel Meller. Als Sängerin hatte sie bereits Weltruhm erlangt. Niemand Geringerer als Charles Chaplin trug ihr eine Hauptrolle in CITY LIGHTS (LICHTER DER GROSSSTADT, USA 1931) an. Und obwohl sich die spanische Diva nicht für seinen Film interessierte, übernahm er doch eines ihrer bekanntesten Lieder, „La Violetera“, in seine Filmmusik. Andere Darsteller in CARMEN sind Gaston Modot und Louis Lerch, und aufmerksame Beobachter können auch den spanischen surrealistischen Filmemacher Luis Buñuel in der Rolle eines Schmugglers entdecken.

Neben Raquel Mellers Darstellung der Carmen, Feyders vorzüglicher Kameraarbeit, Jeanne Lanvins prachtvollen Kostümen und Lazare Meersons exotischen Filmsets erschafft besonders Ernesto Halffters Filmmusik eine perfekte Atmosphäre der Verführung, Modernität und Tragik. Durchwoben von einem geheimnisvollen Hauch Fatalismus, greift die Musik auch folkloristische Themen und Klangfarben aus Andalusien auf und verbindet sich mit zeitgenössischen Kompositionsmethoden und Rhythmen. Anklänge an Debussy, Strawinsky, Ravel und de Fallaver mischen sich mit Halffters Musik. Obwohl der Komponist beim Anfertigen der CARMEN Partitur erst 21 Jahre alt war, hatte er bereits ein fein ausgeprägtes Gespür für das Audiovisuelle entwickelt. In seinen eigenen Worten: „Ich folgte dem Rhythmus und der Stimmung des Films Schritt für Schritt und stellte dadurch sicher, dass die Intensität des musikalischen Dramas nicht das Drama auf der Leinwand überschwemmte.

“Ernesto Halffter, der als einer der führenden spanischen Komponisten der Moderne galt, schrieb die Musik für ein Dutzend Filme und wurde 1925 für seine Sinfonietta sogar mit dem Spanischen Nationalpreis ausgezeichnet. Und auch wenn seine CARMEN-Musik mit der berühmten Oper von Georges Bizet nicht viel gemein hat, ist sie bei diesem FilmKonzert die Garantin für ein opernhaftes Erlebnis, das seinesgleichen sucht.

Kompositionen:

Ernesto Halffter

1926
  großes Orchester (ab 46 Musiker)    
 
Besetzung
3*.2.3*.3* - 4.3.3.1 - timp.perc - pno - hp - str
     
 
Dauer in min.
165
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